Leben Sie leidenschaftlich?
In diesem Interview entführt Sie Herr Dr. phil. Peter Widmer, passionierter Zen-Lehrer und integraler Entwicklungs-Coach, in die Welt Ihrer Passionen und lässt Sie entdecken, was Ihnen wirklich wichtig ist.
Sie halten Leidenschaft für einen zentralen Faktor unserer heutigen Wirtschaft. Wieso?
Noch vor 20 Jahren war der Wettbewerb regional begrenzt. Im heutigen Zeitalter globaler Märkte ist die Konkurrenz gewachsen, Menschen konkurrieren vermehrt untereinander sowohl regional als auch global. Das Internet, mittlerweile auch wichtiger Eckpfeiler und Beeinflusser des Gesundheitsmarktes, virtuelle Dienstleistungen, die Technologien sind so weit entwickelt, dass die geografische Lage nicht länger bei der Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen ausschlaggebend ist. Daher wird die Art und Weise, wie Menschen arbeiten und den Umgang mit ihren Kunden/Patienten pflegen, immer mehr zu einem bestimmenden Faktor für die Produktivität. Wie bedienen Sie Ihre Kunden? Wie gehen Sie mit Patienten um? Wie untereinander im Team? Arbeiten Sie mit Leidenschaft und von Sinn erfüllt oder lustlos, resigniert, gehetzt, gelangweilt? Ein Unternehmen, in welchem Menschen mit Leidenschaft arbeiten, weil sie in dem, was sie tun, einen persönlichen Sinn entdecken, ist effizienter. Damit wird Leidenschaft zu einem wichtigen Marktvorteil in einer globalisierten Welt.
Dr. phil. Peter Widmer
Was ist für Sie ein leidenschaftlicher Mensch?
Passionen sind das innere Feuer, das uns vorantreibt und es nährt sich aus einer Mischung aus der Liebe zu dem, was man tut und dem Gefühl von Sinnhaftigkeit, das entsteht, wenn man sich mit dem verbindet, was einem wirklich, wirklich wichtig ist. Das zu tun, was man liebt und worin man einen Sinn entdeckt, ist erfüllend, anregend, es macht kreativ, lässt das Herz höher schlagen, ist packend. Man ist von innen her motiviert und tut Dinge mit Engagement und einer gewissen Leichtigkeit. Man überwindet sogar Hindernisse, weil man liebt, was man tut und weil man einen tieferen Sinn darin entdeckt.
Was sind Ihre persönlichen Leidenschaften?
Privat ist eine meiner grössten Leidenschaften die Beziehung mit meinem kleinen Sohnemann Moritz. Fast alles was er tut, besonders beim Spielen, ist von kindlicher Unbefangenheit und absoluter Leidenschaft erfüllt. Er geht vollkommen auf im Spiel. Darin ist er mir ein Vorbild, auch für meine Arbeit. Meine Arbeit als Coach und Zen-Lehrer ist für mich die schönste Aufgabe, die ich mir vorstellen kann, weil ich gemeinsam mit Menschen daran arbeite, dass mehr Menschen das leben, was ihnen von Herzen wirklich wichtig ist. Somit sorgen wir gemeinsam dafür, dass eine Welt entsteht, in der Menschen gerne leben und arbeiten. Das ist auch Teil meiner persönlichen Vision, eine Welt mit zu gestalten, in der Menschen gerne leben.
Wie sieht es im Moment mit der Leidenschaft in unserer Wirtschaftswelt aus?
Gemäss Meinungsumfragen des Gallup Instituts, von Harris Interactive und europäischen Meinungsumfrageinstituten sind in Deutschland und der Schweiz lediglich 12-16% der Menschen voller Leidenschaft bei dem, was sie tun. In den USA sind es zwischen 16-20%.
Wie vergessen, unterdrücken oder verlieren 80-88% der Menschen in der Hektik des Alltags ihre Leidenschaften?
Wenn Menschen anfangen, Ihre Träume und Visionen zu begraben, das, was ihnen wirklich am Herzen liegt als unwichtig zu betrachten und schliesslich zu vergessen, dann verlieren sie ihr inneres Feuer für eine Sache. Dazu kann es schon früh im Leben kommen, wenn beispielsweise die Erzieher, unsere Eltern, Lehrer, Ausbilder und andere wichtige Bezugspersonen uns in dem, was uns am Herzen liegt nicht wahrnehmen, uns übergehen oder uns ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ziele überstülpen, indem sie beispielsweise sagen: „Musik ist eine brotlose Kunst, lerne du erst mal was Richtiges!“ Haben wir dennoch irgendwann im Laufe unseres Lebens einmal entdeckt, was uns wirklich, wirklich wichtig ist, so scheitert die Verfolgung unserer Vision oft an der Hektik und dem Stress des immer komplexer werdenden Alltags und an den sog. „Realitäten“ des Tagesgeschäfts. Es bleibt einfach keine Zeit und so geraten die uns wirklich wichtigen Dinge aus dem Blick und wir leben immer öfter im Modus des blossen „Funktionierens“. Prägt das blosse Funktionieren lange genug unseren Alltag, so können sich Gleichgültigkeit, das Gefühl von Sinnlosigkeit, Zynismus, Stress und Symptome des Ausbrennens breit machen, weil wahrer Sinn und unsere Leidenschaft für die Sache sich verflüchtigt haben. Leidenschaft soll nicht Leiden schaffen, sondern uns mit derselben lebendigen Energie vom Geschäft nach Hause gehen lassen, mit der wir am Morgen zur Arbeit aufgebrochen sind.
Was empfehlen Sie den Teams von Apotheken, Drogerien und Arztpraxen gerade für ihren Berufsalltag Ihre verlorenen Passionen wieder zu finden und zu verwirklichen?
Leidenschaft und persönliche Visionen kommen von innen. Und die Vergewisserung dessen, was einem wirklich am Herzen liegt, an einer Sache, einer Aufgabe, dem Beruf, einer Berufung, ist eine Disziplin, ein Prozess, bei dem man sich immer wieder von Neuem erkundet.
Wenn man das ins Leben bringen will, was einem wirklich am Herzen liegt, benötigt man vor allem Klarheit. Denn wenn man sich darüber im Klaren ist, was einem wirklich wichtig ist, so hat dies Kraft im Leben. Unsere Energie fliesst dahin, worauf sich unsere Aufmerksamkeit richtet. Wenn wir stets Klarheit darüber haben, welche Dinge uns am wichtigsten sind und uns von innen motivieren, dann werden wir dafür, trotz Hektik und Alltagsstress, kreative Energien freisetzen. Kurzum: Klarheit ist der erste Schritt und das A und O für ein leidenschaftliches Leben.
Man hat herausgefunden, dass erfolgreiche Menschen über die rund 5 wichtigsten Dinge ihres Lebens vollständige Klarheit haben und bei alltäglichen Entscheidungen, Gelegenheiten und Möglichkeiten dementsprechend handeln. Das Priorisieren und kontinuierliche Erinnern des als Wichtig erkannten sind wichtige erste Schritte.
Zur Anregung eine Übung
Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und ein Blatt Papier zur Hand. Schreiben Sie als Titel oben drüber z. B.: „Wenn ich von Herzen lebe, dann …“ – oder einen entsprechend motivierenden Satz, der für Sie stimmig ist. Schreiben Sie nun ca. 10 Dinge auf, von denen Sie glauben, dass Sie Ihnen derzeit wirklich am Herzen liegen. Nummerieren Sie sie von 1-10. Schreiben Sie in Gegenwartsform. Dinge, an deren Umsetzung Sie vielleicht schon arbeiten oder noch nicht. Schreiben Sie die Dinge positiv. Also nicht – z.B.: „… dann will ich diese schlechte Stimmung in unserem Team nicht mehr haben“, sondern vielmehr: „dann ist die Qualität der Zusammenarbeit in unserem Team respektvoll, freundlich und offen.“ Weitere Beispiele: „… 1. dann lebe ich stets aus meiner Mitte“, „… 2. dann habe ich Spass, Spass, Spass“, „… 3. dann habe ich jeden Tag eine halbe Stunde Zeit für mich,“ „… 4. dann liegt mir die beste Lösung für den Kunden/Patienten am Herzen,“ „… 5. dann ist mein Arbeitsumfeld freundlich und mit Pflanzen eingerichtet“, „…6. dann werden Mitarbeiter weiterentwickelt und gefördert,“ etc. bis Sie rund 10 Punkte aufgeschrieben haben. Seien Sie mutig mit Ihren Visionen. Stellen Sie sich vor, es könnte alles auch ganz anders sein, als es zur Zeit ist. Hierbei geht es nicht darum, wie Sie es tatsächlich realisieren können, darum kümmern Sie sich später. Es geht zunächst einmal vielmehr darum: Was liegt mir wirklich am Herzen?
Nachdem Sie sich die rund 10 Punkte aufgeschrieben haben, gehen Sie die Liste von oben nach unten durch und priorisieren Sie dabei, indem Sie die 10 Dinge der Reihe nach systematisch miteinander vergleichen. Beginnen Sie bei Punkt 1 und vergleichen Sie ihn mit Punkt 2 und fragen sich dabei: was ist mir wichtiger: 1 oder 2? Sollte sich 1 als wichtiger herausstellen, dann vergleichen Sie nun Punkt 1 mit Punkt 3. Stellt sich Punkt 3 nun als wichtiger heraus, vergleichen Sie anschliessend Punkt 3 mit Punkt 4 u.s.w., bis Sie die ganze Liste einmal von oben nach unten durch gegangen sind. Fällt es Ihnen schwer, sich zu entscheiden, dann stellen Sie sich das, was sie aufgeschrieben haben lebhaft vor, in allen Einzelheiten. Ein Favorit sollte übrig bleiben, nachdem Sie die ganze Liste von oben nach unten ein Mal durchgegangen sind. Beginnen Sie dann erneut von oben und gehen die ganze Liste ein zweites, schliesslich ein drittes, dann ein viertes und ein fünftes Mal durch, wobei Sie die zuvor ermittelten Favoriten jeweils auslassen. Nach fünf Durchgängen durch Ihre Liste sollte Ihre persönliche Rangfolge von 5 Dingen übrig bleiben. Die fünf Dinge, die Ihnen derzeit wirklich, wirklich wichtig sind. Lernen Sie sie auswendig und handeln Sie danach, wann immer sich eine Gelegenheit, eine Möglichkeit oder eine Wahl dafür bietet. Und wie oft bieten sich eine Gelegenheit, eine Möglichkeit oder eine Wahl in Ihrem Alltag? Eigentlich ständig – oder?!
Herr Dr. Widmer, herzlichen Dank für dieses interessante Interview!
Wir freuen uns auf Ihre Meinung zu diesem Interview. Klicken Sie hier!
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